Meditatives Kuhglockengeläut

Ich bin zu einer Zeit ins Allgäu gereist, als es mir sehr schlecht ging. Ich war körperlich und seelisch erschöpft und bereits seit vier Wochen arbeitsunfähig..

Ständiges über meine Grenzen gehen, massive Schlafstörungen sowie ein komplett unerwarteter furchtbarer familiärer Schicksalsschlag haben dazu geführt, dass ich nicht mehr weiter funktionieren konnte und wollte.

Auf Anraten meiner Ärztin, die eine echte Chance für mich in der räumlichen Distanz, geregelten Mahlzeiten, den Meditationen und den Körperübungen des Lu Jong, sowie dem Austausch mit unbekannten Gruppenteilnehmern sah, fuhr ich tatsächlich alleine mit dem Auto die Strecke einmal quer durch Deutschland.

Das erste „Aha-Erlebnis“ war, nach 863 Kilometern (2/3 der Strecke im strömenden Regen, und gefühlt 3/3 als Baustelle) im Hotel einzutreffen (Zimmer natürlich nicht bezugsfertig, da mal wieder viel zu früh unterwegs) sich an den Getränken bedienen zu dürfen und die mitgebrachte Brotzeit auf der Hotelterrasse zu verzehren. Ich war komplett verkrampft und verspannt, Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen und total fertig da, eine weitere schlaflose Nacht der Fahrt voraus gegangen war.

Letztlich reichte eine 3/4 Stunde auf der Terrasse, nicht mal mit einem besonders schönen Blick, aber mit dem fürs Allgäu so typischen durchgehenden Kuhglockengeläut um für komplette Entspannung und Schmerzfreiheit zu sorgen.

So wunderbar ging es weiter, ein frisch renoviertes schönes Zimmer, gutes Bio-Essen, und bei der ersten Einheit die Gewissheit, dass unsere Kursleiter Thomas und Florian sich einfach perfekt ergänzten. Der eine sehr sachlich und wissenschaftlich erklärend, der andere sehr einfühlsam und spirituell unterwegs. Hinzu kamen die (größtenteils) sympathischen anderen Teilnehmer und das wunderbare Gefühl auf dem Meditationskissen endlich wieder angekommen zu sein.

Ich fühlte mich in den sechs Tagen wie eine Blume mit abgeknicktem Stiel, die das dringend nötige Wasser (Thomas) und die Sonne (Florian) erhielt und langsam wieder stabiler die Blüte zur Sonne drehte und zu leuchten begann.

In den Meditationen kamen ganz tiefe Erfahrungen und Erkenntnisse und im Austausch folgte das Begreifen und Verinnerlichen.

Es geht beim MBSR darum, immer wieder in die Gegenwart zurück zu kommen, was am Besten über die Betrachtung des Atems gelingt. Das Gute ist, dass wir den Atem immer und überall dabei haben. Selbst wenn er flach oder abgehackt oder gepresst ist, ist er da und wird sich in der Regel auch wieder normalisieren wenn wir beginnen ihn bewusst wahrzunehmen.

Wenn wir uns eine Zeitlang auf den Atem konzentriert haben, können wir unser Gewahrsein auch unseren Körperempfindungen, den Geräuschen, unseren Gedanken und unseren Gefühlen öffnen. Das Schöne, aber auch Herausfordernde ist dabei, alles wahrzunehmen, ohne es zu bewerten oder verändern zu wollen.

Die Woche war für mich angefüllt mit „aha“, „oho“ und „oha“- Erlebnissen, die mich auch ein 3/4 Jahr danach noch beschäftigen und berühren.

Ich habe gelernt wie bereichernd es ist, wenn mein innerer Beobachter offen, neugierig und wertungsfrei an die Dinge heran geht. Ansehen, betrachten aber nicht immer eine Geschichte drumherum spinnen.Kreisende Gedanken einfach etikettieren mit „Zukunft“, „Vergangenheit“ oder auch einfach „Da ist ein Gedanke“. Das gefällt mir auch so gut an den Meditationen im MBSR: Gedanken dürfen da sein, wahrgenommen werden aber mehr eben auch nicht, mehr ist einfach nicht erforderlich. Anders als in der Zen-Meditation geht es hier nicht um „No pain – no gain“. Stattdessen heißt man alles willkommen, selbst wenn es ein unangenehmes Körpergefühl (Krampf im Zeh…) oder schweres Gefühl ist. Wir müssen es nicht mögen aber wir akzeptieren, dass es da ist. Alles ist weniger streng und passt deshalb in diesem Moment sehr gut zu mir.

Meine persönliche Essenz aus den sechs Tagen war: Zulassen und Annehmen. Das bezog sich auf die Päckchen mit denen ich angereist bin (vor allem die Erschöpfung und die Trauer)ebenso wie auf die Wunder und Geschenke, die mir tagtäglich widerfahren und, seit ich mehr im Augenblick präsent bin, nicht so leicht unbemerkt durchrutschen.

Ich wünsche Dir (und natürlich auch allen anderen) selbst einmal diese Erfahrungen zu machen. Für mich hat die Zeit mit Thomas und Florian dazu geführt, dass ich an der Weggabelung an der ich mich befand einen unbekannten Weg eingeschlagen habe, der mir einfach unfassbar gut getan hat und immer noch gut tut.Dafür bin ich sehr dankbar.

Das Leben (und atmen) im Hier und Jetzt bedeutet natürlich auch, sich nicht ständig mit planenden oder sorgenvollen Gedanken die Zukunft betreffend zu befassen. Das ist gerade in außergewöhnlichen Zeiten wie z.B. jetzt mit Covid-19 sehr hilfreich. Gerade angstvollen Gedanken setze ich gern mal ein „Du musst nicht alles glauben was du denkst“ entgegen… natürlich mit einem inneren Lächeln.

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