Gezielter Aufbau des Achtsamkeitsmuskels

Achtsamkeit bedeutet, mit allem das ist, freundlich und wohlwollend zu sein. Das klingt soo schön und fällt mir soo schwer. Der immer gern genommene und immer ungern bekommene Satz „Sie war stets bemüht!“ drängt sich mir da öfter mal auf.

Ich trainiere meinen Achtsamkeitsmuskel ziemlich regelmäßig. Ohne ein Minimum von 20 Minuten Meditation, jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen, geht es nicht mehr. Das möchte und das brauche ich so. Während des Tages kommen dann verschiedene Momente der Achtsamkeit dazu. Doch während ich diesen Absatz schreibe, springt der Gedanke: „Aber du machst nie Yogaübungen!“ in den Vordergrund und es erübrigt sich zu erwähnen, dass der Tonfall sehr vorwurfsvoll klingt. Für noch mehr Nachdruck folgt dann: „Du gehst wegen Corona seit drei Monaten nicht ins Fitnessstudio und trotzdem weigerst du dich die Übungen aus den MBSR-Kursen zu praktizieren. Das sind nur 45 Minuten! Und nun wirklich nicht schwer… obwohl du ja doch immer ganz schön um dein Gleichgewicht gekämpft hast, als du das anfangs mal gemacht hast…“

Und damit bin ich mitten drin im Automatismus der (ver-)urteilenden Gedanken in unfreundlicher und absolut nicht wohlwollender Art. Das Paradoxe: ausgerechnet durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Achtsamkeit ist mein altes Muster geweckt und der Autopilot aktiviert worden, obwohl genau das ja verhindert werden soll?
Über Achtsamkeit zu schreiben, bedeutet eben nicht gleichzeitig auch achtsam zu sein.
Offensichtlich brauche ich noch eine Menge Training und vor allem möchte ich lernen, mir selbst gegenüber deutlich weniger hart und streng zu sein.

Positiv ist, dass es mir heute viel schneller bewusst wird, wenn mir der Autopilot das Steuer entreisst oder zu entreissen versucht.
Positiv ist, dass mich das inzwischen immer seltener verzweifeln und häufiger schmunzeln oder lachen lässt.
Positiv ist, dass ich Lust zum Üben und Verinnerlichen habe.
Und es ist positiv, dass ich den Weg sehen kann, den ich in meinem ersten Jahr mit Jon Kabat-Zinn gegangen bin und dass es hier atemberaubende Ausblicke und Erfahrungen gab.

Insofern werde ich unermüdlich und „stets bemüht“ diesen Weg weitergehen, manchmal über Stock und Stein stolpern, mich an der Aussicht in alle Richtungen erfreuen und dabei den Boden unter meinen Füßen ganz bewusst wahrnehmen. Ach und an den Pflanzen und Blumen schnuppern, die Borke eines Baumes betasten und – so wie es aussieht – die Regentropfen auf mein Gesicht fallen lassen… ganz wohlwollend!

2 Kommentare zu „Gezielter Aufbau des Achtsamkeitsmuskels

  1. Bei dem Text hatte ich dich so sehr mit allen deinen Reaktionen vor Augen das ich lachen musste. Weiter so! Fühl dich gedrückt <3

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